Kindergeld: Anerkennung einer Berufsausbildung ohne Einbindung in eine schulische Mindestorganisation - Fernstudium

19.04.2018

Eine Berufsausbildung ist auch dann anzuerkennen, wenn der Sch├╝ler nicht in eine schulische Mindestorganisation eingebunden ist. Eine Mindeststundenanzahl f├╝r den Unterricht an einer schulischen Einrichtung ist bei Schulungsma├čnahmen im Inland nicht gefordert.

Das Schleswig-Holsteinische Finanzgericht hat entschieden, dass eine Berufsausbildung auch dann anzuerkennen ist, wenn der Sch├╝ler nicht in eine schulische Mindestorganisation eingebunden ist. Eine Mindeststundenanzahl f├╝r den Unterricht an einer schulischen Einrichtung ist bei Schulungsma├čnahmen im Inland nicht gefordert.

Die Tochter der Kl├Ągerin hatte sich im Wege von Fernunterricht zur Tierphysiotherapeutin ausbilden lassen. Dabei nahm sie einmal im Monat an einem Wochenendseminar teil. Den Rest der Ausbildung absolvierte sie im Alleinstudium. Nach ┬ž 63 Abs. 1 Satz 2 i. V. m. ┬ž 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG ist ein Kind kindergeldrechtlich zu ber├╝cksichtigen, das f├╝r einen Beruf ausgebildet wird. In Berufsausbildung befindet sich, wer seine Berufsziele noch nicht erreicht hat, sich aber ernsthaft darauf vorbereitet (BFH-Urteil vom 24. Juni 2004 III R 3/03 in BFHE 206, 413, BStBl II 2006, 294, m. w. N.). Einzubeziehen sind alle Ma├čnahmen, die dem Erwerb von Kenntnissen, F├Ąhigkeiten und Erfahrungen dienen, die als Grundlage f├╝r die Aus├╝bung des angestrebten Berufes geeignet sind (BFH-Urteile vom 16. April 2002 VIII R 58/01, BFHE 199, 111, BStBl II 2002, 523; vom 15. Juli 2003 VIII R 47/02, BFHE 203, 106, BStBl II 2003, 848). Sie m├╝ssen nicht zwingend in einer Ausbildungs- oder Studienordnung vorgeschrieben sein, auch muss die Ausbildungsma├čnahme nicht ├╝berwiegend Zeit und Arbeitskraft des Kindes in Anspruch nehmen (BFH-Urteil in BFHE 189, 88, BStBl II 1999, 701). Das Tatbestandsmerkmal der Berufsausbildung enth├Ąlt kein einschr├Ąnkendes Erfordernis eines zeitlichen Mindestumfangs von Ausbildungsma├čnahmen. Entscheidend ist vielmehr, dass es sich um Ausbildungsma├čnahmen handelt, die als Grundlage f├╝r den angestrebten Beruf geeignet sind.

Bereitet sich ein Kind ohne regelm├Ą├čigen Besuch einer Ausbildungsst├Ątte selbstst├Ąndig auf Pr├╝fungen u. ├Ą. vor, sind an den Nachweis und die Ernsthaftigkeit der Vorbereitung grunds├Ątzlich strenge Anforderungen zu stellen (BFH-Urteil vom 18. M├Ąrz 2009 III R 26/06, BFHE 225, 331, BStBl II 2010, 296; BFH-Beschluss vom 9. November 2012 III B 98/12, BFH/NV 2013, 192 f.). Zweifel gehen nach den Regeln der objektiven Beweislast (Feststellungslast) zu Lasten des Kindergeldberechtigten.

Unter Ber├╝cksichtigung dieser Grunds├Ątze ist der Senat davon ausgegangen, dass sich die Tochter der Kl├Ągerin ├╝ber den Monat August 2016 hinaus (noch) in Ausbildung befand.

Im Streitfall war der Senat davon ├╝berzeugt, dass die Tochter der Kl├Ągerin ihr Studium nachhaltig und ernsthaft betrieben hat. Der Umstand, dass das Institut C keine staatlich anerkannte Hochschule ist, ├Ąndert an dieser Beurteilung nichts. Das Institut ist unstreitig von der staatlichen Zentralstelle f├╝r Fernunterricht zum Abhalten von Lehrg├Ąngen zugelassen. Die IHK zertifiziert einzelne Lehrg├Ąnge, u. a. auch den Lehrgang der Tochter der Kl├Ągerin zum Tierphysiotherapeuten. Dar├╝ber hinaus hat der Senat als Indiz f├╝r die Ernsthaftigkeit des Betreibens der Ausbildung durch die Tochter der Kl├Ągerin auch den Umstand gewertet, dass diese eine nicht unerhebliche Studiengeb├╝hr bezahlt, um 10 ├╝berhaupt an den Lehrg├Ąngen teilnehmen zu k├Ânnen. Dass die Tochter der Kl├Ągerin einen Betrag in H├Âhe von X.XXX,XX Euro f├╝r die Freizeitgestaltung zahlt, hielt der Senat f├╝r abwegig. Es sei auch schwer vorstellbar, dass das Kind aus reinem Freizeitvergn├╝gen den Skelettaufbau von Pferden und Hunden gelernt hat, um sich dann einer Lernkontrolle zu unterziehen.

Zwar m├Âge der Beruf "Tierphysiotherapeut" kein staatlich anerkannter Beruf und die Berufsbezeichnung auch nicht besonders gesch├╝tzt sein. Dennoch sei gerichtsbekannt, dass dieses Berufsfeld existiere und die Tochter der Kl├Ągerin nach entsprechendem Abschluss also als Tierphysiotherapeutin arbeiten k├Ânne.

Die Ausbildung beinhaltet nach dem Akteninhalt zumindest die Physis von Pferden und Hunden. Auf diese Kenntnisse aus diesem Fernstudium kann sich auch ein Studium der Tiermedizin an einer Hochschule bzw. Universit├Ąt anschlie├čen und darauf aufbauen. Die Tochter der Kl├Ągerin erf├╝lle die allgemeinen Zugangsvoraussetzungen. Sie habe ihre Schulausbildung mit dem Abitur abgeschlossen. Da nach der st├Ąndigen Rechtsprechung des BFH alle Ma├čnahmen miteinzubeziehen seien, die dem Erwerb von Kenntnissen, F├Ąhigkeiten und Erfahrungen dienen, die als Grundlage f├╝r die Aus├╝bung des angestrebten Berufes geeignet seien, gehe der Senat im Streitfall davon aus, dass sich die Tochter der Kl├Ągerin in einer Berufsausbildung befinde, da sie ihre Berufsziele noch nicht erreicht habe, sich aber ernsthaft darauf vorbereite (BFH-Urteil vom 24. Juni 2004 III R 3/03 in BFHE 206, 413, BStBl II 2006, 294, m. w. N.).

Die Revision ist nicht zugelassen worden. Das Urteil ist rechtskr├Ąftig.

(FG Schleswig-Holstein, Mitteilung vom 29.03.2018 zu Urteil vom 18.01.2018 - 3 K 154/16)